Making Of . Leseprobe . Personen . Orte . Interview

Hier erscheint als fortlaufende Kolumne jeden Samstag ein kleiner Beitrag zur Entstehung des Buches Kleine Aster.



Warum ein Krimi?
Dieses Genre bietet wie wenig andere die Möglichkeit, sowohl zu unterhalten als auch eine gute Geschichte zu erzählen. Im Gegensatz zum Thriller, der neben der Spannung schematische Figuren benötigt, können sich im Krimi Spannung und komplexe Figuren bestens ergänzen. Dafür ist es allerdings nötig, eine gute Grundidee zu haben ...
Ganz am Anfang stand eine Rezension in der Wochenzeitung Die Zeit: Es ging um das Buch Schläge im Namen des Herrn von Peter Wensierski. Darin wird der düstere und brutale Alltag in bundesdeutschen Kinderheimen der Nachkriegszeit beschrieben. Schon beim Lesen der Rezension und später bei der Lektüre des Buches formte sich die erste, damals noch sehr vage Idee für die Kleine Aster. Einen Titel gab es vorläufig noch nicht; er entstand zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt.
Ein zweites, allerdings nicht ganz so tragendes Motiv, das schon in der ersten Phase des Entwurfs in den Roman eingeflossen ist, hat seinen Ursprung in dem Hörspiel Enigma, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Eric-Emmanuel Schmitt: zwei Männer, die sich auf einer Insel begegnen, sich umschleichen und in einen wachsenden Konflikt steigern.
Die Grundidee war nun da, allerdings vorläufig noch in der vagen Form von ein paar wenigen, einzelnen Bildern und Motiven. Jetzt war das Problem: wie lässt sich daraus eine gute Geschichte machen?

 



Was für eine Geschichte ließ sich aus den beiden ersten Ideen – düsteres Kinderheim und einsame Insel – machen?
Das Krimi-Genre erwies sich hier als dankbar, weil einige Grundzüge vorgegeben waren. Es passiert ein Verbrechen. Wer war es und warum? Die Hauptfigur ermittelt. Der Mörder wird gefunden. Alles in allem fordert der klassische Krimi eine ganz klare Handlungsstruktur. Die Kunst ist, diese Struktur zu benutzen, um eine gute Geschichte zu erzählen.
Die allererste Frage war nun: Wo in der Geschichte haben die beiden Grundideen ihren Platz? Zwei Männer allein auf einer Insel, sie umschleichen sich, ein Konflikt eskaliert … eine wunderbare, spannungsgeladene Situation für ein Finale. Zu diesem frühen Zeitpunkt der Arbeit an dem Buch war die Idee für ein Finale nur vorläufig; aber es half sehr, das Ziel der Geschichte vor Augen zu haben. Denn es ist normalerweise viel leichter, eine Geschichte zu entwickeln, wenn man weiß, wo sie hingeht.
Die eigentliche Grundidee – die brutalen Verhältnissse nach dem Krieg in vielen Kinderheimen – war nicht ganz so offensichtlich in der Geschichte umzusetzen. Sie wurde für die Hintergrundgeschichte, die Backstory, benutzt.
Jetzt standen also Grundstruktur, Backstory und das Ende der Geschichte. Alles noch nicht sehr detailliert, aber als Arbeitsgrundlage ausreichend. Das Problem war nun: Wie müssen die Hauptfiguren beschaffen sein?

 



Wie mussten die Hauptfiguren für die Geschichte beschaffen sein?
Die klassische Hauptfigur im Krimi – der Ermittler – ist entweder Polizist oder Privatdetektiv. Für Polizistenfiguren haben zuletzt Kommissar Wallander und Commissario Brunetti neue Maßstäbe gesetzt. Für einen Detektiv als Hauptfigur sprachen zwei Gründe. Erstens musste eine solche Figur nicht damit kämpfen, aus dem Schatten des Duos Brunetti/Walllander herauszutreten. Zweitens kann ein freiberuflicher Detektiv die moderne Zeit mit ihren Unsicherheiten und beruflichen Unwägbarkeiten wesentlich besser zeigen als ein verbeamteter Polizist. In diesem Sinne wurde Michaels Freundin, Ina, als Fernbeziehung konzipiert.
Es reichte aber nicht, einfach nur den Beruf festzulegen. Die Hauptfigur sollte in ihrem Charakter auch seiner Zeit entsprechen. Deshalb bekam Michael Dallinger einen inneren Grundkonflikt: Er ist hin- und hergerissen zwischen dem, was er kann, und dem, was er will.
Seine berufliche Partnerin, Anke Beck, unterstreicht diesen Grundzug noch. Denn sie selber ist mit sich und ihrem Beruf vollkommen zufrieden.
Michaels Onkel wiederum, eine weitere wichtige Figur, war – wie Michaels Freundin – als Kontrast zur Hauptfigur gestaltet: scheinbar in sich ruhend, erfolgreich, menschlich gefestigt. Der Kontrast zur Hauptfigur wird durch die Verwandtschaft der beiden noch unterstrichen.
Eine andere wichtige Figur ist der alte Friedhofswärter Richard Molinski. Er ist kein zufälliges Opfer, sondern sein Tod hat gute Gründe. Um das glaubwürdig darzustellen, sollte diese Figur von Anfang an von einem kleinen Hauch des Todes umweht sein. So entstand die Idee, ihm den Beruf eines ehemaligen Friedhofswärters zu geben. Weitere Züge unterstreichen seinen Charakter: Nachlässigkeit im Umgang mit sich selbst, Zurückgezogenheit und eine gewisse Feigheit.
Grundidee, Grobstruktur und die Hauptfiguren waren nun da. Aber würde das alles beim Schreiben auch funktionieren?

 



An erster Stelle der Ausarbeitung stand ein Szenenplan. Ihn zu erstellen, machte einen großen Teil der Arbeit am Buch aus. Die gesamte Entwicklung der Geschichte war darin konzipiert. Zu diesem Zeitpunkt trug das Buch den Arbeitstitel Die Moorburg.
Nachdem der Szenenplan fertig war, konnte mit dem eigentlichen Schreiben begonnen werden. Pro Tag entstanden zwei bis sechs Seiten; die Ausarbeitung der einzelnen Szenen und der Figuren geschah während des Schreibens.
Trotz des Szenenplans war die erste Fassung des Buches nicht mehr als eine Rohfassung. In einem zweiten Arbeitsgang mussten vor allem die Szenen überarbeitet und die Figuren ausgefeilt werden.
In einem dritten Schritt wurde die Geschichte noch einmal im Stück bearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt änderten sich sowohl Details als auch grundlegendere Dinge. Zwei Beispiele: Der Hund von Pastor Broock hieß in der ersten Fassung Ali – nach einem großen, bösartigen Hund aus einem Blake-Mortimer-Comic. Der türkische Bezug fiel erst recht spät auf. Weil dieser Bezug in der Geschichte fehl am Platz war, wurde der Hund umgetauft. Eine andere Änderung war einschneidender. Ursprünglich war vorgesehen, Ina und Michael gegen Ende der Geschichte in Berlin zusammentreffen zu lassen. In der ersten vollständigen Fassung der Geschichte war jedoch zu sehen, dass dadurch das Finale unnötig in die Länge gezogen und ausgebremst wurde. Daher wurde die entsprechende Passage gestrichen.
Der ursprüngliche Titel wurde auf Anregung des Verlags geändert, weil Die Moorburg nach einhelliger Meinung zu viel vorwegnahm. Kleine Aster bezieht sich natürlich auf das berühmte Gedicht von Gottfried Benn. Wie das lyrische Ich in jenem Gedicht macht Michael seine, oft düstere, Arbeit, ohne deshalb seinen Humor zu verlieren. Und nicht zuletzt ist es eine Aster, die Michael bei der Lösung des Falles den Weg weist.
Damit endet das Making Of des Buches.